Mitten im Leben. Mitten am Rand
“Mitten im Leben. Mitten am Rand” ist der Titel einer neuen Sensibilisierungskampagne der Caritas zu Armut in Südtirol. Es ist die letzte vor Ablauf des diesjährigen „Europäischen Jahres gegen Armut und soziale Ausgrenzung“. Sechs am Boden angebrachte Bilder von „ausgerutschten“ Menschen laden PassantInnen in der Bozner Bahnhofsallee ein, inne zu halten und über Armut zu reflektieren. Die abgebildeten Frauen und Männer haben eines gemeinsam: sie sind von materieller und/oder sozialer, psychischer oder emotionaler Armut betroffen. Den Ort hat die Caritas bewusst gewählt: Die Bahnhofsallee in Bozen ist eine viel begangene und befahrene Straße, da sie den Zugbahnhof mit dem Waltherplatz verbindet. Besonders in der Adventszeit gehen täglich tausende Südtiroler und Gäste diesen Gehsteig entlang. Im dahinter liegenden Bahnhofspark hingegen treffen sich häufig Menschen, die ohne Obdach sind, die unter psychischen und körperlichen Krankheiten leiden, die materielle Armut und soziale Ausgrenzung gut kennen.
Die Bilder.
Die sechs am Boden liegenden Menschen schauen die Vorbeigehenden an, fordern sie zum Handeln auf. Hinter den Menschen verbergen sich schwierige Lebensgeschichten. Da ist eine allein erziehende überforderte Frau mit einem kleinen Kind; ein verschuldeter Mann, der Konkurs anmelden musste; eine alte einsame Frau, die sich auf den seit Monaten ausstehenden Besuch ihrer Kinder freut; eine Frau, die sich seit ihrer Kindheit fehl am Platz fühlt, weil sie von ihren Eltern kaum wahrgenommen wurde; ein Zuwanderer, der stets nur befristete Arbeiten bekommen hat und jetzt arbeits- und mittellos ist; ein Obdachloser, der mit Hilfe von Alkohol der Realität entflieht. Alle Geschichten sind aus dem Alltag gegriffen und erzählen von Menschen, die es ohne Unterstützung nicht mehr schaffen. „Es geht darum“, so die Caritas-Direktoren „Schwächere in die Gesellschaft hereinzuholen, ihre Ressourcen sichtbar zu machen und ihre Stärken zu fördern.“ Dafür brauche es genaues Hinsehen, Achtsamkeit und Respekt. Denn „wir alle haben Menschen in unserer Umgebung und Nachbarschaft, denen es nicht gut geht und die unsere Unterstützung notwendig haben.“ Oft brauche es dafür nur kleine Handreichungen.„Mit der Aktion “Mitten im Leben. Mitten am Rand.“ wollen wir Armut ansprechen und gut sichtbar unter die Menschen bringen“, erklären die Caritas-Verantwortlichen Schweigkofler und Fontana. „Unsere Gesellschaft riskiert eine wachsende Zahl an Armutsbetroffenen. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Aber auch die Beziehungsarmut der Menschen steigt, viele fühlen sich überfordert und einsam oder leiden unter Depressionen. Die Caritas macht darauf aufmerksam, dass es nicht nur um finanzielle Unterstützung geht. Oft reiche ein kleines Zeichen, ein Gruß, ein Besuch, ein Telefonat. Für viele Alleinerziehende sei es hilfreich, wenn sie die Kinder bei jemandem abgeben können oder wenn sich ein Nachbar oder eine Bekannte zur Hausaufgabenhilfe bereit erklärt. Letztendlich, so die Caritas, gehe es darum, die gegenseitige Mitverantwortung bei allen Beteiligten unserer Gesellschaft zu wecken und zu fördern.
Die Daten zur Armut in Südtirol.
Die Studie des Landesinstitutes für Statistik zu den (materiell) armutsgefährdeten Personen und Haushalten in Südtirol, die am 15.10.10 veröffentlicht wurde, gibt Anlass zu Besorgnis. Wurden im Jahr 2003 noch 14% der Südtiroler Bevölkerung als armutsgefährdet eingestuft, so sind es jetzt bereits 16%. Fast jeder sechste Südtiroler lebt an oder unter der relativen Armutsgrenze. Aus der Studie geht weiters hervor, dass 17,9% der Südtiroler Haushalte als armutsgefährdet einzustufen sind (2003 waren es noch 17,3%). Das heißt, dass in Südtirol mehr als 80.000 Menschen in 36.000 Haushalten von Armut betroffen sind. Und gäbe es Sozialleistungen der öffentlichen Hand nicht, läge die Armutsgefährdungsschwelle bei 25,3% der Bevölkerung. Diese Schwelle beträgt in Südtirol für einen Einpersonenhaushalt 10.257 Euro im Jahr. „Menschen in Not brauchen Unterstützung. Wir müssen sie vom gesellschaftlichen Abseits wieder in die Mitte herein holen“, so die Caritas-Direktoren. Sie weisen dabei auf ihre verschiedenen Beratungsstellen, Essensausgaben und Obdachlosenhäuser hin und heben besonders die Dienste hervor, die auf Ehrenamtlichkeit aufgebaut sind. Zum Beispiel stehen in der Telefonseelsorge rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr insgesamt 75 Freiwillige als aktive ZuhörerInnen am Telefon zur Verfügung; 189 Freiwillige der Hospizbewegung begleiten südtirolweit schwerkranke und sterbende Menschen, mehr als hundert Freiwillige helfen in der Mensa für Nicht-EU-Bürger oder in den Obdachlosenhäusern bei der Essensausgabe, mehrere hundert Freiwillige fahren im Burggrafenamt „Essen auf Rädern“ aus.
Die Infokarten der Kampagne sind auch erhältlich.
Die Figuren in der Bahnhofsallee bleiben bis Ende Dezember angebracht, Infokarten mit beschriebenen Fallbeispielen werden über das Verteilernetz von „Dear Mama“ in Gasthöfen und Beherbergungsbetrieben, über das Tourismusbüro, den Bürgerschalter der Gemeinde Bozen und an verschiedenen Ständen des Weihnachtsmarktes an Interessierte verteilt. Weitere Informationen finden sich unter www.caritas.bz.it und am Tel. 0471 304 304.